Kategorie: Presse

stadt.finden von Wolfgang Vincke

Pressetext [Aachener Zeitung] vom 5. Juni 2020 von Matthias Hinrichs

Nicht von ungefähr kommen die expressionistisch anmutenden, oft stakkatoartig aufblitzenden Gedanken und Dialoge seiner namenlosen Protagonisten zunächst vor allem in schillernden Schlagworten daher. Auch im Wortsinn. Mit seinem neuen Stück,,stadt. finden“ erkundet der Aachener,Autor und Pädagoge Wolfgang Vincke einmal mehr die inneren und äußeren Befindlichkeiten einer chaotisch-brutalen urbanen Welt.

Anonyme Helden

Die anonymen ,,Helden,, in Vinckes dramatischer Miniatur-Collage erzielen in sechs hochpoetischen Bildern vor allem über den Alltag im ,,prekären“ Milieu der Aus – und Aufsteiger, das geprägt ist vom fatalen Faustrecht der Straße.

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SCHWARZE HELDEN von Wolfgang Becker

Seit Leopold II, Carl Hagenbeck und alle Sklavenhändler der damnatio memoriae unterliegen und zunehmend US-Bürger ihre afro-amerikanische Identität verteidigen, seit meiner Jugend habe ich schwarze Helden geliebt. Wenn ich im neuen Theaterstück von Wolfgang Vincke STADT.FINDEN lese:

„ VIER, vorschieben der unterkiefer, go!, halbdistanz, offensive, defensive, kontern, treiben, haken, kalt, cut, uppercut, blocken, auspendeln, kopf gegen brust, mundschutz raus rein, break, jab, sidestep, punch, cross, hart, gerade, linke, rechte, linke, rechte, ausruhen, linke, rechte, linke, rechte, ausruhen, finten, pendeln, abducken, zuschlagen…“,

sehe ich Joe Louis und Max Schmeling (und Roosevelt und Hitler) und Muhammad Ali und den „Rumble in the Jungle“ von Kinshasa – und denke an den verhassten deutschen Schäferhund George Foremans, Ali Muhammads Verweigerung des Militärdienstes in Vietnam und Einsatz in der Bürgerrechtsbewegung. Repliken tauchen in Hollywood-Filmen, auf, leise erinnern so gegensätzliche Figuren wie Martin Luther King und Barack Obama an sie. Aber es folgt ihnen niemand nach, solche Boxkämpfe, die über sich hinausweisen, haben nicht mehr stattgefunden.

Dabei entwickelt der Boxkampf mit den Regeln, die ihn zu einem Ritual machen, das energischste, aggressivste Bild eines Duells zwischen zwei ebenbürtigen Personen, die in schnellst möglichen Aktionen und Reaktionen handeln (anders als Ringkämpfer oder Sumo-Gegner) und die geringsten Schutzhilfen nutzen (anders als Schwertkämpfer und Fechtende). Ihr Ritual führt die Zuschauer in eine Ära der Freiheit zurück, die vor den Verbindlichkeiten der Gesellschaften, ihren Gesetzen, der Nächstenliebe, der Solidarität liegt; und in den dunklen Hallen der Tausenden erstrahlt das Licht des Alphatiers im Ring, das sich, alle geistigen und körperlichen Kräfte nutzend, aus der letzten Bindung, der Gegnerschaft  zu befreien versucht.

In meiner weißen Haut, in der großen Empfindlichkeit, in der ich geboren und aufgezogen wurde, erschien ich mir hinter diesen Helden klein. Sie mussten groß, ungebärdig und – schwarz sein, stark wie schwarzer Kaffee aus Äthiopien.

In der Materialsammlung “Black Paris. Kunst und Geschichte einer schwarzen Diaspora“ habe ich unter dem Titel „Kunst der Provokation und Provokation als Kunst“ die „Götter des schwarzen Stadions“, den Bantam-Weltmeister Al Brown kennengelernt, der in den 30er Jahren von sich reden machte. Ich verstehe heute, dass sich auch Muhammad Ali einem Klischee einfügte, das für Afrika stand: Rumble in the Jungle. Heute hat das Klischee des unbesiegbaren schwarzen Kämpfers sein Gewicht verloren wie das des Crazy Horse, des Samurai Oda Nobunaga, des Wikingers Erik, des Griechen Odysseus, des Sklaven Spartakus. Der Boxkampf ist in einen Bürgerkrieg degeneriert. Die Tausende, die im Takt der Faustschläge laut atmeten, drängen nun in lautstarken Demonstrationen durch die Straßen großer Städte: Black Lives Matter. Und Tausende sterben in einer weltumspannenden Seuche. Die literarische Gattung der GROSSEN ERZÄHLUNG wird nicht mehr die der großer Helden sein wie die Odyssee oder die des Don Quichotte, sondern die von SCHWÄRMEN – wie die von tausenden Fischen im Wasser oder Staren in der Luft, die im September über Europas Städten tanzen, bevor sie den Flüchtlingen aus Afrika entgegenreisen.

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,,Gedenkfeiern mit bedrückender Aktualität“

ein Auszug aus einem Artikel der Aachener Nachrichten von Wolfgang Schumacher

Beeindruckende Performance

Eingeleitet hatte den Abend der katholische Pfarrer Ruprecht van de Weyer, die Gedenkstunde klang aus mit dem Gebet des Rabbiners Marc Pavlovsky. Dazwischen brachte das Duo Gabrielle und Josef Huszti Stücke von Bach undAlbioni zu Gehör. Schülerinnen und Schüler der Amos Comenius Schule stellten schließlich die Todesfuge von Paul Celan in einer Performance dar, die unter anderem von Birkan Baran, Raphael Collas, Philipp Frank und Esther Spaniol so beeindruckend vorgetragen wurde, dass sich kaum jemand dem grauenvollen Schauer des Holocaust entziehen konnte.